Meinhard Schmechel

Rüterberg – das umzäunte Dorf

20.11.2018 · Meinhard Schmechel war Bürgermeister von Rüterberg. Er erklärt, warum die Bewohner viele Jahre nur stundenweise in ihr Dorf gelangten und warum Besucher sich Wochen vorher anmelden mussten.

Interview mit Meinhard Schmechel

Inter­view mit Mein­hard Schme­chel, ehema­liger Bürger­meister von Rüter­berg
Autorin: Antje Hinz

Rüter­berg hat eine beson­dere Geschichte: Zu DDR-Zeiten war der kleine Ort an der östli­chen Elbgrenze komplett von Grenz­an­lagen umzäunt und nur über ein kleines Tor passierbar. Am 8. November 1989 riefen mutige Bürger die „Dorf­re­pu­blik Rüter­berg“ aus, ohne zu ahnen, dass am Abend darauf die Mauer fallen würde.

Grenz­denkmal Rüter­berg

Überwachter Alltag in Rüterberg

Mein­hard Schme­chel war von 1981 bis 2004 Bürger­meister von Rüter­berg. „Ich konnte mir meinen Besuch immer aussu­chen“, erin­nert er sich an das abge­schie­dene Leben an der ehema­ligen Elbgrenze. Er erzählt im Inter­view, dass die 140 Bewohner nur zwischen 5 Uhr morgens und 23 Uhr abends durch ein Tor in die Außen­welt gelangen konnten. Nachts blieb das Tor geschlossen. Tags­über wurde das Tor von Grenz­sol­daten streng bewacht. Pass­kon­trollen waren für die Dorf­be­wohner allge­gen­wärtig. Besuch musste sechs Wochen vorher ange­meldet werden, erklärt Schme­chel die dama­lige Situa­tion. „Kurios war, dass wir bereits am 10. November 1989 in den Westen reisen durften, aber nach Rüter­berg noch immer kein Fremder hinein durfte.“

Schweizer Demokratie an der Elbe

Spontan passierte in Rüter­berg nichts. Manchmal blieb sogar tags­über das Tor geschlossen, so dass die Rüter­berger nicht pünkt­lich zur Arbeit kamen. Begrün­dungen lieferte die Staats­macht nie, Fragen waren nicht erwünscht. Doch kurz vor dem Mauer­fall wagten die Bürger den Aufstand. Wie es dazu kam, erzählt Schme­chel im Inter­view. Auf Vorschlag des Rüter­berger Schnei­der­meis­ters Hans Rasen­berger wurde die „Dorf­re­pu­blik Rüter­berg“ ausge­rufen. Auf der Einwoh­ner­ver­samm­lung verteilte Rasen­berger ein Papier und schlug darin vor, die Dorf­re­pu­blik als Urform der „Direkten Demo­kratie“ zum Modell für Rüter­berg zu machen – nach dem Vorbild der Schweiz. Die Basis dafür, dass sich die Rüter­berger ihre eigenen Gesetze für ihr Dorf schaffen konnten. Die Bürger stimmten geschlossen zu.

Orts­schild von Rüter­berg

Dorfrepublik Rüterberg

Der Titel „Dorf­re­pu­blik“ wurde später offi­ziell „geneh­migt“. Am 14. Juli 1991 erteilte der Innen­mi­nister des Landes Meck­len­burg-Vorpom­mern der Gemeinde das Recht, die Bezeich­nung „Dorf­re­pu­blik 1961–1989“ (ab 2001 „Dorf­re­pu­blik 1967–1989“) auf allen Orts­schil­dern als Zusatz­be­zeich­nung zu führen. 100 Jugend­liche aus 19 Nationen waren anwe­send, als der Gemeinde die Urkunde über­reicht wurde. Seit 21. Oktober 2002 heißt das Dorf wieder Rüter­berg. Das außer­ge­wöhn­liche Schild steht noch immer am Eingang des Ortes.

See bei Rüter­berg
Quizfrage: Was war zur DDR-Zeit das Besondere im Ort Rüterberg?
die Bewohner galten als besonders „rot“ bzw. parteitreu, rüter = norddeutsch rot
die Bewohner konnten nur zwischen 5 Uhr und 23 Uhr hinaus und hinein
es gab hier einen Weinberg, auf dem rote (norddeutsch „rüt“) Trauben wuchsen

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